2019 ein bewegtes Jahr - von Eckhard Ernst Kupfer*

Das Jahr 2019 hat sowohl die Welt als auch Brasilien sehr verändert. Dies soll ein unvollständiger Rückblick sein. 

Es scheint so, dass die euforische Zeit der Globalisierung vorüber ist. In den 1990er Jahren glaubte man mit offenen Grenzen, freiem Warenaustausch und freizügiger Reisemöglichkeit die Welt enger zusammenzuschließen und auch die sozialen Unterschiede weltweit reduzieren zu können. Doch es kam anders, bereits zehn Jahre später konnte man sehen, dass  in diesem neuen Prozess die Welt nicht gerechter wurde, sondern wie eigentlich immer, die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer wurden. Wer Kapital, Macht und Intelligenz hatte, der machte sich die Globalisierung zu nutze, wer nicht, der wurde noch mehr ausgenutzt. Diese Entwicklung setzte sich immer weiter fort, bis in der Mitte des nun zu Ende gehenden Jahrzehnts eine große und unorganisierte Völkerwanderung begann. Teilweise auf der Flucht vor regionalen Kriegen und Unruhen, teilweise aus reinem Überlebensdrang. Auf diese enorme unorganisierte Welle waren aber die Zielländer nicht vorbereitet, sie sahen plötzlich Menschenmassen einfach ihre Grenzen überrennen und auf Hilfe zu warten. Besonders die entwickelten Länder in Europa und Nordamerika waren davon betroffen. Die Ankömmlinge erwarteten Versorgung und Integration. Dies widerum erweckte Emotionen und Vorurteile bei vielen Bürgern der Empfangsländer. Das Resultat ist heute ein Drang zur Abschottung, zur Grenzsicherung und zum wiederaufflackern nationalistischer Werte. Diese Entwicklung kann man heute auf dem gesamten amerikanischen Kontinent erkennen, ebenso wie in Europa aber auch in Asien.

Diese Tendenzwende zeigte sich besonders im politischen und wählerischen Verhalten in vielen Ländern, darunter auch in Brasilien. Ein nationalistischer Abgeordneter, ohne große Spuren in der Vergangenheit wurde mit großer Mehrheit zum Präsidenten gewählt und er verliert bis heute keinen Tag um zu polarisieren und tiefe Gräben innerhalb der Gesellschaft zu öffnen.

Ein spezielles Thema in dieser politischen Reaktion ist der Klimaschutz, oder besser der Kampf gegen die Erderwärmung. Dies ist zwar nicht nur ein nationales Thema, sondern geht besonders die entwickelten Länder dieser Erde etwas an, aber da Präsident Bolsonaro zum Beginn seiner Amtszeit mit Äußerungen gegen Klimaschutz und Umweltschutz, besonders im Amazonasgebiet viele Interessenten in dieser reichen Naturregion zu Abholzung und Urbarmachung von Land stimulierte, wurde die brasilianische Regierung von vielen Seiten angeklagt, der Zerstörer des größten Regenwaldes der Erde zu sein.

Es ist nun recht schwierig aus dieser konservativ, rückwärts gewandten Ecke wieder herauszukommen. Dabei wird aber allzu leicht das größte Problem des Landes vergessen und auch verniedlicht, die Investition und die besondere Aufmerksamkeit in Erziehung und Ausbildung der Schüler und Jugendlichen, sowie in das morbide Gesundheitssystem.

Wir hoffen und wünschen,dass dies im neuen Jahrzehnt mehr Aufmerksamkeit erhält.

*Eckhard Ernst Kupfer ist deutscher Journalist, Direktor des Martius-Staden-Instituts in São Paulo, Herausgeber der Jahrbücher des Instituts, Mitautor von “Fünf Jahrhunderte deutsch-brasilianische Beziehungen”, Kommentator der Radiosendung AHAI – Die deutsche Stunde der Gemeinden > Block 05 und Kolumnist bei www.brasilalemanha.com.br – Notícias.
E-Mail: ekupfer@martiusstaden.org.br
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