Schwarzwaldhaus 1902 – von Anja Dullius*

Vereinzelt trifft man noch bei Wanderungen und Spaziergängen auf typische, traditionell gebaute Schwarzwaldhäuser mit ihren weit herabgezogenen, monströsen Walmdächern aus Stroh oder Holzschindeln. Manche dieser Häuser und Höfe dienen heute als Museen, manche werden auch heute noch bewirtschaftet. Allerdings hat sich das Leben auf den Höfen längst dem modernen Lebensstil zugewandt. Doch wie war das Leben dort in Deutschland, im Schwarzwaldgebirge vor 100 Jahren, als es noch keine Elektrizität und kein fließend Wasser gab?

„Das Schwarzwaldhaus 1902“ ist ein Dokumentarfilm, der das Leben einer Schwarzwälder Bauernfamilie im Jahre 1902 wiedergibt. Erlebt von Menschen aus dem Jahr 2002. Die Familie Boro, bestehend aus Vater, Mutter und drei Kindern haben in einer Trainingswoche gelernt bekommen, wie man Kühe melkt, Butter herstellt oder wie man Bürsten bindet. Insgesamt 3 Monate lebte die Familie Boro zu Bedingungen wie vor 100 Jahren: das Schwarzwaldhaus „Kaltwasserhof“ wurde originalgetreu umgebaut, die Familie trug Kleidung wie zur damaligen Zeit, es wurde 18 Stunden am Tag gearbeitet, denn sie mussten sich durch Viehhaltung von Kühen, Schweinen und Hühnern und durch Bewirtschaftung des Ackers selbst ernähren.

Doch dies reichte nicht aus, in der benachbarten Stadt mussten sie zudem, um über die Runden zu kommen, Milchprodukte und selbstgemachte Bürsten verkaufen. Das Schicksal meinte es dennoch nicht gut mit ihnen: sie verloren die Kartoffelernte, die Milchkuh wurde krank, der Vater erlitt einen Leistenbruch und die Heuernte wurde durch eine Regenperiode verdorben. Um Überleben zu können mussten sie das Schwein und eine Kuh verkaufen. Die Mutter wurde durch das kalte Wetter an der Blase krank und ein Sohn erlitt eine Blutvergiftung. Das Ergebnis: im Jahre 1902 hätte die Familie Boro wohl kaum überlebt.

Die Dokumentarserie wurde in Deutschland mit großem Erfolg ausgezeichnet. Den „Kaltwasserhof“ kann man heute als Museum besuchen, indem das Leben von damals aktiv vorgeführt wird. Im Großen und Ganzen soll sich der Besucher bewusst werden, in welch einem Luxus wir heutzutage leben. Zu der damaligen Zeit vor 100 Jahren wäre das wohl der Traum aller Schwarzwaldbewohner gewesen, sie hätten unsere heutige Zeit wohl als „Schlaraffenland“ bezeichnet. Und 100 Jahre, das ist noch gar nicht so lange her!

*Anja Dullius ist Biochemikerin aus dem Bodensee-Gebiet im Süden Deutschlands und Kommentatorin der Radiosendung AHAI – Die deutsche Stunde der Gemeinden, Bl. 02. Sie wohnt mit ihrem Ehemann Carlos in Estrela, RS,  in einer ausgeprägt deutschstämmigen Gemeinde und Region, wo sie ihren Beruf  als Wissenschaftlerin ausübt.
E-mail: moonlight.express@gmail.com .  

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