Colunistas

25/04/2016

"Wie die Pommern nach Espirito Santo kamen" - von Friedrich Wilhelm Hasenak*

Eingesandt von Johannes Freidrich Hasenak, emeritierter Pastor: "Als Anlage schicke ich Ihnen einen sehr anschaulich geschriebenen Artikel meines Grossvaters Friedrich Wilhelm Hasenack*. Er war Pastor in Santa Leopoldina/ES in den Jahren 1882-1890."

Es handelt sich um eine Publikation, die viell. schon bekannt und registriert ist; denn der Artikel erschien im Kalender der Riograndenser Synode von 1924. Die Lektüre jedenfalls erscheint mir erneut empfehlenswert - schon wegen der Gesangstunde der Brüllaffen.
Mit besten Grüssen,
Ihr
Johannes Friedrich Hasenack, pastor emérito - www.luteranos.org.br

Rua América, 612 - Bairro Morro do Espelho

CEP 93030-110 São Leopoldo/RS - Brasil

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Aus dem Synodalkalender 1924, S. 66-75:

„Wie die Pommern nach Espírito Santo kamen.

Lieber Bruder!

In meinem letzten Briefe habe ich dir erzählt, wie es den Deutschrussen in Paraná erging; so will ich in diesem erzählen, wie die Pommern nach Espírito Santo kamen und wie sie da lebten und arbeiteten. Zuerst will ich sagen, dass diese Leute in Pommern zu den ärmsten gehörten, Tagelöhner, Knechte und Mägde auf den Gütern. Ihr Tagelohn war gering gewesen, 20 bis 40 Pfennige, und es gab ja immer Tage, wo sie wegen schlechten Wetters gar nichts kriegten. Neben diesem Tagelohn gab ihnen die Herrschaft Wohnungen und Pflanzland. Alles dies wurde natürlich in Rechnung gestellt. Nun mochten sie sehen, wie sie und was sie für sich nebenbei pflanzen und ernten konnten. Ein paar Männer waren auch Schäfer auf den Gütern gewesen. Diese standen sich ein wenig besser, waren auch gewöhnlich intelligenter als die anderen.

Hier in Brasilien, besonders in São Paulo, hatte der sogen. Humanismus unter den Grundbesitzern an Boden gewonnen, so dass sie die Sklaverei abschaffen wollten, denn sie hielten sich doch mindestens so kultiviert als die Engländer und Franzosen. (Als ich hierher kam [1879], bestand die Sklaverei noch.) Wenn sie aber keine Sklaven mehr hatten, hatten sie auch keine Arbeiter für ihre Kaffeepflanzungen, und sie waren ein gutes Herrenleben gewöhnt. Was aber dann? Darum mochten sie die Sklaverei nicht so schnell abschaffen. So schickten sie Agenten aus, freie Leute in Europa zu werben auf „Halbpacht“, d. h. die Hälfte von dem, was sie erarbeiteten, sollte ihnen gehören und die andere Hälfte den Grundbesitzern, die ihnen auch Wohnungen und Lebensmittel stellten, oder ihnen so viel Land überliessen, dass sie darauf Lebensmittel für sich so nebenbei pflanzen konnten.

Solche Bedingungen schienen den armen Leuten in Pommern sehr verlockend. Sie packten und kratzten so viel Geld zusammen als möglich, um möglichst bald in so ein Paradies zu kommen. Die, welche die damals noch gefährliche Seereise überstanden, kamen endlich in São Paulo an. Sie wurden freundlich aufgenommen, denn an diesen schönen, starken Menschen hatten alle ihre helle Freude. Bald aber fanden sie, dass sie hier nicht gerade Sklaven waren in dem alten Sinne, aber erst recht auch keine Freie; sie waren ganz in der Gewalt ihrer Herren, die ihnen ihre Arbeit möglichst gering anrechneten und das, was sie ihnen lieferten, möglichst hoch. Sie fanden heraus, dass sie sich in Pommern doch besser gestanden hatten. Dazu kam die fremde Sprache, der Verkehr mit den Farbigen, die Hitze, keine Schule, keine Kirche, kein Verkehr, und die Feste in ganz entgegengesetzten Jahreszeiten. Wie das alles niederdrückend auf wohldenkende Menschen, wie die Pommern wirklich sind, wirken musste, ist gar nicht zu sagen. Sie suchten los zu kommen oder sich andere Herren zu suchen. Das gab es nicht, denn die Besitzer waren sich einig. Wenn sie wegliefen, wurden sie mit schwarzen Sklaven eingefangen, denen das eine teuflische Freude machte, und misshandelt und gequält. Und hatten sie sich in Wäldern versteckt, wurden sie mit Hunden gesucht und zum Teil zerrissen, zerpeitscht und eingesperrt. Sie durften gar nicht mucksen, sonst, o weh! Und die Regierung? Die wollte es nicht so haben, d. h. die Kaiserlich Regierung. Aber hier im Staate waren diese Herren selber die Regierung. Und sickerte etwas Ungehöriges bis Rio durch, so wussten diese Herren das als harmlos hinzustellen. So konnten auch die Gesandtschaften nichts ausrichten. Schlimme Gerüchte sollen sogar bis zum Kaiser gekommen sein. Aber auch der Kaiser konnte nichts bessern. Ednlich sollen Herren von der Schweizer Gesandtschaft heimlich und verkleidet nach São Paulo gekommen sein und es schlimmer gefunden haben als die Gerüchte besagten. (Ihre Namen fallen mir nicht ein, aber ich glaube Tschudi und Avé Lallemant.) Diese haben bei der Kaiserlichen Regierung in Rio de Janeiro ihre Aussagen gemacht, diese griff dann energisch ein und half den Armen von da weg. Auf die Berichte dieser Gesandtschaft kamen dann in Preussen Gesetze heraus, die die Auswanderung nach Brasilien 1859 verboten.

Weil nun diese Deutschen in São Paulo besonders den Kaffeebau gelernt hatten, so schaffte die Regierung von Rio diejenigen, welche fort wollten, möglichst weit weg, nach Espírito Santo, um den Versuch zu machen, ob auch da Kaffee wüchse. Nun waren sie wirklich frei. Aber, was hatten sie in den vergangenen Jahren alles ausgestanden! Und wie viele waren es noch von ihnen? So kamen Pommern und Schweizer und auch einige Sachsen nach Espírito Santo. Wie nun diese in diesen kurzen, steilen, bis 1000 Meter hohen Felsenbergen sich zurecht fanden, ist mir geradezu erstaunlich. Waren sie als arme Leute ins Land gekommen, so waren sie jetzt noch ärmer, aber sie waren gewitzigter geworden, ihr Blick war weiter und freier und doch der alte, edle, echt deutsche Sinn. Wie man in diesen steilen, teils turmartigen Bergen die Landschaft nur vermessen konnte, ist mir bis auf diesen Tag ein Rätsel. Aber die Leute fanden sich zurecht. Die Pommern sind so leicht nicht umzubringen. Sie fingen einfach an, die Urwälder an diesen Hängen und in diesen Schluchten nieder zu hauen und zunächst Lebensmittel, d. h. Mais und Mandioca zu bauen und dann auch Kaffee. Samen und Pflanzen holten sie sich von den Eingeborenen, die in der Niederung, bis zum Meere wohnten. Solches Holen von Samen und Pflanzen waren gefährliche Reisen, richtige Entdeckungsreisen. Und das um so mehr als damals noch die Protestanten als gefährliche Leute mit Teufelshörnern verschrieen waren. Als die ersten ankamen, sollen die Leute (Brasilianer) erstaunt gefragt haben: „Wo sind denn die Protestanten?“ „Hier, wir sind Protestanten“, haben sie geantwortet. „Das ist nicht wahr, ihr seht ja geradeso aus wie wir und habt keine Hörner“, haben die Brasilianer gesagt. „Naa, Hörner haben wir nicht, aber Protestanten sind wir doch“, antworteten sie darauf. Sie wurden bald gute Freunde mit einander. „Aber man darf ihnen nie trauen, denn sie sind so dumm und fanatisch, denn die und die und der und der sind spurlos verschwunden“, sagten mir einige.

Und sie haben sich zurecht gefunden. Es gruselt mir noch manchmal durch alle Knochen, wenn ich die Leute an diesen Hängen Wald hauen sehe. Wenn sie in wochenlanger Arbeit alles Gestrüpp, Rohr, Grasarten und Ranken auf dem Boden sauber abgehauen haben, um an die Bäume zu können, dann klingen die Äxte und schallt mancher Juchzer. Selten fällt ein einzelner Baum. Manchmal haben sie wohl hundert Bäume kniehoch abgehauen, aber sie fallen nicht. Wohl stöhnt und ächzt es unten an den Stumpen bis hinauf in die Kronen, es zerrt und reisst überall, aber fällt nicht. Die Kronen sind durch das arm- und beindicke Rankengewirre so fest mit einander verbunden, dass alle wohl stöhnen und krachen, aber nicht fallen. Ehe man sichs versieht, zieht ein leiser Windhauch durch die Kronen, die Masse fängt an zu wanken und nun: „Rette sich, wer kann.“ Und es entsteht ein Sausen, Pfeifen, Brüllen, Reissen, Krachen, Bersten, Brechen in der Luft und dann ein tausewndfacher Donnerschlag auf den Boden, und die Riesen des Urwaldes liegen mit zerbrochenen Gliedern und zerrissenen Leibern und stöhnen und brechen noch lange Zeit und rutschen tiefer in die Gründe hinab. Da liegt der stolze Wald mit seinem kostbaren Holz, mit seinen Tausenden von Blumen, Mosen, Flechten aller Art, die Wohnung der Waldvögel, Bienen, Wespen, Hornissen, Schlangen und Affen. Der elende Mensch hat ihn bezwungen. Sieht man so eine todwunde Masse daliegen, dann möchte man zweifelnd fragen: „bezwungen?“ Noch lange nicht. Erst noch muss Feuer hinein, um diese Riesen zu bändigen. Ohne das könnte man sich zu Tode arbeiten. Tritt aber gar Regenwetter ein, dass man wochenlang kein Feuer machen kann, dann ist alle Mühe vergeblich. In kurzer Zeit überwuchert die üppige Tropennatur das ganze Gewirr von neuem, und das zu entwirren, scheint ganz unmöglich. Man lässt es am besten liegen, bis das Gefälle vermodert ist, dann wird die Arbeit leichter, denn das Erstorbene vermodert schnell in den Tropendünsten. Gottlob ist kein Mensch zu Schaden gekommen! Aber es geschieht doch auch einmal. Dem August Neumann sind alle Glieder und Rippen zerbrochen, und dem Friedrich Wendler, der einem fallenden Baum ausweichen wollte, die Stirn zerschmettert, weil der Baum durch Ranken herumgezogen wurde. Der Schädel knirschte wie Scherben, wenn man dagegen mit der Hand drückte. Ein anderer kam quer unter den Stamm zu liegen, der ihn am Boden festhielt, bis er nach kurzer Zeit starb.

So konnte nun von Porto do Cachoeiro an jeder zusehen, wie er in seinen Wald kommen konnte. Porto heisst so viel als Hafen, Cachoeiro so viel als Wasserfall. Alle Bäche in einem ungeheuren Umkreis, oder besser Halbkreis nach Norden, fliessen in einen zusammen, den Santa Maria-Bach. In diesem Halbkreis liegen die beiden Gemeinden Santa Leopoldina. Bei Porto do Cachoeiro tritt der Santa Maria-Bach in die Ebene; von da an kann man bis Victoria, der Hauptstadt, die an einem weiten Meerbusen liegt, mit Kanus fahren. Diese Fahrzeuge sind aus einem einzigen Baumstamm hergestellt und manche so lang, dass sie 100-500-600 Sack Kaffee oder Bohnen laden können.

Man kann auch sagen, bei Porto do Cachoeiro [stromaufwärts] fangen die Wasserfälle an. Es geht immer höher ins Gebirge hinauf. Dieze Gebirge ziehen die Wolken an, und von allen Bergen rieselt und plätschert’s in kleinen und grösseren Bächen in die Schluchten hinunter. An einem Platze zwischen Porto do Cachoeiro und der Kirche von Santa Leopoldina I hängt sogar das Gebirge mit seinen Felsmassen über die Schlucht, wie ein halber Regenschirm, wohl eine halbe Strunde lang [Reitweg]. Und unter diesem Dach wohnen Menschen, aber noch keine Pommern, die fangen erst bei der Kirche an. Da rauschen Bäche von allen Seiten zusammen in eine Hauptschlucht. Von Porto do Cachoeiro an kann man die Kirche in zwei Stunden erreichen, immer bergauf und noch weiter bergauf bis Kalifornien, da scheint der höchste Punkt zu sein. Die Wege sind schmal, immer einer hinter dem andern reiten. An diesem Wege bildet der Santa Maria einen prächtigen Wasserfall, man sagt 400 Fuss hoch. Er stürzt da herab wie aus einer Giesskanne in einem dicken Strahl. Das verursacht ein furchtbares Brausen und Donnern, dass man meint, der Boden zittere. Weiter unterhalb, ½ Stunde von Porto do Cachoeiro, ist an seinem rechten Ufer eine Bergspitze abgebrochen, Felsblöcke wie ein Haus und kleinere Stücke haben Fluss und Weg auf einige hundert Meter verschüttet, so dass der Fluss sich, bei gewöhnlichem Wasserstand, unter diesen Steinen hindurchzwängt, aber bei Hochwasser auch über sie wegschiesst. Und über diese Steine hatte man eine Brücke gebaut, wo der Weg zu uns am Jequitibá-Bach hinaufführt. Wenn man bei hohem Wasserstand über diese Brücke reitet, können einem die Haare zu Berge steigen beim Anblick dieser wilden Wassermengen, die sich mit Gewalt durch dieses Gewirr von Steinen hindurchwühlen mit furchtbarem Brausen, Tosen, Schäumen; man hat das Gefühl als risse ein Windzug einen da mit hinab.

In meiner Gemeinde bildete der Fluss noch zwei grosse Fälle. Den nächsten habe ich nicht gesehen, weil er zu versteckt im Walde lag, aber bei gutem Wind konnten wir sein Getöse öfters hören, er war in gerader Linie zwei Stunden von uns. Den anderen Wasserfall dieses Flusses, vier bis fünf Stunden oberhalb, habe ich ein paafrmal gesehen. Der stürzte wie über eine steile Treppe vielleicht auch 400 Fuss herab und sieht da aus wie rauschender Schnee. Von da an geht es nicht mehr viel höher. Sein Flussbett ist überall tief eingewühlt und meist schmal, kaum mehr als 10 Meter breit, stellenweise aber auch wohl 50 und mehr Meter. An einigen Stellen war er überbrückt, so dass eine Baumlänge von Ufer zu Ufer langte; an andern Stellen langten zwei Baumlängen nicht. Die Stämme waren nach oben abgeplattet und vielleicht zwei Fuss breit. Nun reite da hinüber. Geländer ist nicht daran. Mir hat oft gegrault, wenn das Wasser bis beinahe an den Stamme reichte und so reissend darunter weg schoss. Die meisten Brücken hatten drei Stämme neben einander, aber auch keine Geländer. Im ganzen war das Gelände in meiner Gemeinde nicht so zerklüftet und felsig wie in Leopoldina I. Bei mir gab es doch Wege, die ein paar Stunden lang beinahe eben waren. Selbst die steilsten Berge bei mir hatten mehr Erde an den Hängen. Nur am Jequitibá war wohl eine Stunde lang das Gebirge senkrecht abgerissen. Da konnte man nirgends hinauf.

Also in diesen weniger steinigen Gebirgen hatten sich meine Leute angesiedelt. Aber trotzdem, wie konnten sie dahin kommen? da nur Wald und nichts als Wald da war. Die steilen Berge konnte kein Mensch hinauf. So mussten sie sehen, an den Bachufern und um die Berge herum weiter zu kommen. Dann hörte aber das Ufer auf und sie mussten an die andere Seite. Die Männer zogen ihre Hosen aus, die Frauen nahmen Röcke und Kinder unter die Arme und tapsten durch. Manchmal gings auch da nicht, dann mussten sie wer weiss wie viele Bogen machen. Mit Buschsicheln und schweren Waldmessern gingen die Männer voran, um eine Picke zu schlagen durch all das Geranke von Rohrarten, Gravatás und stacheligen Rankengewächsen. Das gab so eine Art Gasse, wo sie selten einmal den Himmel sehen konnten.

Nach Tagen oder Wochen schwerster Arbeit, Mühe und Sorge waren sie endlich so weit, wie sie in ihrem eigenen Walde wollten. Nun galt es da einen Platz zu suchen, wo sie anfangen und wohnen konnten. Hier wird abgeladen, was man mit sich schleppte. Merkten sie in der Nähe einen Nachbar, dann pickten sie einen schmalen Pfad dahin. Diese Pfädchen wurden die ersten Wege und im Verlauf der Jahre immer ein wenig erweitert. Noch zu meiner Zeit waren viele derselben an den Hängen so schmal, dass kaum zwei Fussgänger ausweichen konnten und noch weniger zwei Reiter. Ich wusste oft nicht, wie ich mein Pferd umdrehen sollte. Aber guten Muts arbeiteten sie weiter. Sie suchten endlich auch diese Wege gerader zu legen, um sich Hauptwege nach Porto do Cachoeiro zu schaffen, wo sich im Laufe der Jahre ein paar Kaufleute ansiedelten. Hier holten sie dann von Zeit zu Zeit, was sie in ihrem Waldversteck nötig hatten an Äxten, Messern, Buschsicheln, Sägen, Salz, Reis usw. Das war ein weiter Weg. Ich gebrauchte zu dem Wege sechs Stunden, und ich ritt schnell. Wie lange gebrauchten sie nun zu Fuss? Zu meiner Zeit hatten die meisten Leute auch schon Reittiere. Aber sie gingen lieber zu Fuss und beluden ihre Tiere mit irgend etwas, was sie in Porto do Cachoeiro verkaufen und dafür eintauschen konnten. Aber anfangs hatten sie keine Reit- und Lasttiere, sie trugen alles auf dem Rücken, was sie verhandeln und mitnehmen wollten. Nachts zogen sie von Hause weg, um am frühen Morgen in Porto do Cachoeiro zu sein, und womöglich noch bei Tauge nachhause zu können. Sie nahmen Fackeln mit, die sie sich von Jacarandá-Holz machten, weil das ganz vorzüglich brennt, sonst hätten sie die Pickenwege überhaupt nicht gehen können. Vielleicht auch, dass sie damit wilde Tiere wie Löwen, Tiger und andere verscheuchen konnten. Zu solchen Gängen fanden sich gewöhnlich einige Nachbarn zusammen. Also, wenn ich den Weg in sechs Stunden ritt, wie lange brauchten die Leute dann zu Fuss und wie lange erst die, die noch 6 bis 10 Stunden weiter wohnten? Und wieviel konnten sie auf so langen Wegen tragen? Von Lebensmitteln gebrauchten sie Salz, Reis, schwarze Bohnen, Mandiok-Farin und vielleicht auch einiges getrocknete Fleisch, wie es damals noch gebräuchlich war.

Zuhause arbeiteten unterdessen Frau und Kinder in dem gebrannten Wald, den man „Rosse“ nannte, räumten auf oder hielten das Gepflanzte von Unkraut sauber und dem so üppig auf schiessenden Gestrüpp. Wer es eben konnte, schaffte sich eine Kuh an, um Milch zu haben, und Hühner, um Eiher zu haben. Die Kuh suchte man mit wildem Gewächs, Rohrgras, Palmiten und Palmenzweigen zu füttern. Glücklich ist, wer das schon haben kann. Dann muss aber auch Gras angepflanzt werden zur Viehweide und diese eingezäunt. Frei laufen lassen kann man so ein Tier nicht, es könnte zu Schaden kommen in Wald, Schlingpflanzen und Gestrüpp. Dass bei solcher Arbeit Jahre vergehen müssen, bis man etwas zu verkaufen haben kann, was der Mühe lohnt, kann jeder leicht einsehen. Aber, was pflanzten sie denn jetzt?

Selbstverständlich wird es so etwas sein, was man zum Essen nötig hat. Und da muss probiert werden, was wachsen will. Zunächst Mais und Bohnen, auch Mandioca oder Aipim, Theopen [Taiobas], Yams [Taros], Zuckerrohr. Kartoffeln möchte man zu gern haben, aber wo bekommen? Nach verschiedenen Jahren lassen Kaufleute in Porto do Cachoeiro Kartoffeln aus Portugal kommen und verkaufen diese kiloweise. Bei dem einen wachsen sie gut, bei anderen gar nicht. Das ist also nichts. Aber probieren tut man immer wieder, fast in jedem Monat, wenn man Pflanzkartoffeln bekommen kann. Selten bringen sie etwas ein. Genau so geht es mit Weizen, Roggen, Hafer, Gerste. Und wo doch einmal das Korn es zu Ähren bringt, gibt so viel wildes Getier, besonders Scharen von schwarzen Vögeln, die die Körner auspicken und das Getreide zu Boden drücken; deswegen pflanzt man auch keinen Reis mehr, nachdem man es oft genug versucht hat. Diese Vögel kommen wie eine schwarze Wolke geschlossen an, kilometerlang und -breit, dagegen hilft kein Toben und Schiessen. Yamsarten und süsse Kartoffeln gedeihen besser, Mandioca dagegen gedeiht nicht gut, er fault zu leicht aus. So begnügt man sich hauptsächlich mit den Yamsarten, Theopen. Von diesen waren drei Arten bevorzugt. Weisse und gelbe Theopen wurden wie Kartoffeln gegessen, die grossen Blätter der weissen auch als Gemüse. Eine grössere Yamsart wurde fast nur als Schweinefutter gebraucht, einige nahmen davon auch ins Brot. Theopen schmecken gut, nur etwas fade und seifig, sie müssen mit Saussen schmackhafter gemacht werden, besonders die weisse, die schnell hart wird. Sodann pflanzte man süsse Kartoffeln. Das ist eine Windenart mit blassroten Blumen und kletterndem Stengel. Von diesen pflanzt man die Triebspitzen 2-3 handlang, die treiben dann im Boden Wurzeln und harte, weisse, faustdicke Knollen, die man als Kartoffeln essen kann. Sie schmecken widerlich süss, aber man gewöhnt sich daran. Am liebsten essen die Pommern Brot. Ja, was für Brot? Nun, Brot von Maismehl. Um dies körnige Brot nicht zu schnell austrocknen zu lassen, vermischt man den Teig gern mit ein wenig Weizenmehl, wenn man solches kaufen kann. Aber beinahe ebenso gern vermischt man den Teig mit einer Knollenfrucht, die auch im Boden wächst und Cará heisst. Das ist eine rankende Pflanze mit dicken, grossen Ranken und Blättern, sie liefert faustgrosse und doppelt so grosse Knollen mit wurzeliger, haariger, rauher Rinde, die man abschälen muss. Die geschälten Knollen, auf einem Reibeisen gerieben, geben eine schmierige, schaumige Masse, die mit Maismehl vermischt das Brot locker macht und lange feucht erhält. Die Knollen, als Kartoffeln gekocht, schmecken auch fade und seifig; ebenso die Luft-Cará, die in die Luft rankt und in den Blattwinkeln Knollen ansetzt, die aber nicht so dick werden wie die Erd-Cará.

Aber, wo kriegen die Leute ihren Mais gemahlen? Denn Mühlen gibt es nicht. Not macht erfinderisch. Lange Zeit stampften sie den Mais in hölzernen Mörsern, die sie sich selber ausgehauen hatten. Das ist aber eine so langwierige und lästige Arbeit, dass das Brotessen hätte aufgegeben werden müssen. Da kommt einer auf den Gedanken, sich eine Mühle zu bauen. Aber, woher Mühlsteine kriegen? Das heimische Gestein ist so stahlhart, dass es nicht zu Mühlsteinen zu gebrauchen ist. Und die Felsen lassen sich nicht bohren, und wo man doch ein Bohrloch hineintreiben kann, geht der Schuss oben hinaus, und der Felsen bekommt nicht einmal Risse. Man probiert an einzelnen Steinen, die Tausende von Jahren da herum gelegen haben mögen und dadurch vielleicht mürber sind, es gelingt hie und da. Haben sie erst Mühlsteine, dann werden sie auch bald mit einer Mühle fertig werden. Einer baut sich ein Häuschen, wie - mit Respekt zu sagen - ein Abtritt, nimmt einen Baum so hoch wie dieses Häuschen hoch ist, und befestigt an einem Ende ein Schaufelrad, etwa von einem Meter Durchmesser, dann richtet er den Baum steil auf und steckt das obere Ende durch einen selbstgemachten Mühlstein, oben auf der Spitze des Baums macht er einen zweiten Mühlstein fest. So steht der Baum mit seinem Mühlstein oben aufrecht in dem Häuschen, das Schaufelrad liegt glatt über dem Boden. Nun lässt er einen Wasserstrahl von oben in die Schaufeln da unten fallen, und richtig, das Ding dreht sich rundum. In diesen Bergen hat jeder in seinem Land oder Wald irgend ein Wässerchen, das er zu einem solchen einfachen Betrieb gebrauchen kann. Hurrah! Das war eine Lust! Und richtig, das Ding mahlt den Mais zu Mehl, das ist wohl grob, aber das macht nix, „dat wö wol biete“. Es ging doch bequemer jetzt, als den Mais mit einer Kaffeemühle mahlen oder in hölzernen Mörsern stampfen. Bald kommt der eine und bald der andere, besieht sich das Ding, es gefällt ihnen und jeder gibt sich daran, macht sich auch so eine Mühle und sucht sie zu verbessern. Jetzt sind die Frauen froh, jetzt können sie nach Herzenslust Brot backen in ihren Lehmöfen, die sie auch selber erfunden und gebaut haben. Ja, sie wagen es sogar, Kuchen zu backen von Weizenmehl, und es gerät wohl. Ist’s da ein Wunder, wenn sie immer stolzer werden auf ihr eigenes Könnenb und immer wieder versuchen, es sich bequemer und besser zu machen! Ja, mit der Zeit bauen sie sich an grösseren Bächen auch grössere Mühlen zum Mahlen von Mais und Stampfen des Kaffees von seinen Hülsen. Alles eigene Erfindung. Bis sie aber so weit waren, waren viele Jahre vergangen. Es ist erstaunlich, was sie sich alles selber machten. Kaum jemand würde glauben, wenn er jetzt die sauberen Häuser, Küchen und andere Anlagen sieht, dass ungelernte Handwerker so etwas zustande bringen könnten. Auch viele Gaben des Urwaldes wussten sie zu verwerten, z. B. zu Körben, sogar recht zierlichen und künstlerischen, und Bast zu Seilen usw. Aber was haten sie bis dahin alles entbehren müssen. So wurden ihre Sinne geschärft.

Bis sie soweit waren, vergingen viele Jahre voll unsäglicher Mühe und Arbeit. Hatten sie erst so viel Platz, um Kaffee-Bäumchen zu pflanzen, dann wurden diese gepflanzt, und damit hatten sie dann Aussicht, nach sechs Jahren Kaffee zu verkaufen und bares Geld in die Hände bekommen zu können. Also, so lange dauerte es, bis sie etwas verdienen konnten, also mindestens 12 Jahre. In den ersten sechs Jahren mussten sie sehen, wie sie ihr Leben fristeten, in den zweiten sechs Jahren konnten sie hie und da etwas aus dem Walde verkaufen und fingen an, einige Lebensmittel selber zu haben, in den dritten sechs Jahren endlich konnten sie daran denken, ihre Wohnung zu verbessern, ein anständiges Häuschen sich zu bauen und die bisherigen Stangen- und Laubhütten zu Ställen für ihr Federvieh zu machen; in den vierten sechs Jahren endlich konnten sie zu regelmässig gesicherten Einnahmen kommen, wenn ihre Kaffeepflanzung gedieh. In diesen letzten sechs Jahren suchten sie von ihrem Holz Balken und Bretter zu schneiden für Haus, Schuppen und Stall, was meist an Ort und Stelle irgendwo im Walde geschehen musste. Dann mussten Balken und Bretter auf den Schultern an den Ort getragen werden, wo sie endgültig wohnen wollten. In fast allen Fällen musste dabei die Frau die Säge ziehen, tragen helfen und daneben das Geschäft des Kochens versehen. Und was hatten sie während dieser 20-30 Jahre alles zu entbehren? Vendas, d. h. Geschäftshäuser gab es in den ersten sechs Jahren überhaupt nicht, dann fing irgendwo einer eine Kneipe an, und im Verlauf der dritten und vierten sechs Jahre fanden sich in der Ferne ein paar gut sortierte Geschäftshäuser. So lange blieb das Essen knapp und von rohester Art, und die Kleidung erst recht, sie hielten es für Luxus, wenn sie sich dann in Blaudruckkatun kleiden konnten. Allerdings ihr Sonntagszeug, was sie von drüben mitgebracht, hielten sie sehr sorgfältig in Ehren und verwahrten es auf bessere kommende Zeiten. Aber viele hatten davon nichts mehr. Ärzte, Apotheken, Schulen, Kirchen gab es solange auch nicht. In Krankheiten, Not und Tod mussten sie sich selber helfen. Handwerker gab es auch nicht. Zu meiner Zeit gab es zwei Schmiede in der grossen Kolonie. Aber was für welche? Die Meister hatten drüben irgendwo einmal eine Schmiede gesehen und fingen hier an; ebenso Tischler, Maurer, Schuster, Schneider. Und doch welche nette und saubere Arbeit lieferten sie nach so und soviel Jahren. Sie waren ihre eigenen Lehrmeister.

In den dritten und vierten sechs Jahren hatten sie endlich soviel Urwald beseitigt, angepflanzt, gebaut, geordnet, dass das Anwesen menschlichen Wohnstätten ähnlich sah, abgeteilt in Pflanzung für Lebensmittel, Viehweide, Kaffeeberg usw. Dementsprechend hatten sie auch Hühner, Gänse, Kühe, Pferde angeschafft, diese als Last- und Reittiere. Und bei alledem, welche Mühe, welches Denken und Sorgen hatte es gekostet und welch eiserner Wille, es so weit zu bringen!

Hatte man erst Weideplätze so weit eingezäunt, und war das Gras gewachsen, dann konnte man auch Kühe halten, Milch, Butter und Käse gewinnen. Aber selbst die Milch zu gewinnen, erforderte Kraftund Geschick. Denn keine Kuh war gewohnt, ohne ihr Kalb die Milch abzugeben. Erst muss das Kalb ansaugen, dann nach einer Minute etwa weggenommen und die Milch in ein Töpfchen gemolken werden. Wollte eine grössere Familie genügend Milch haben, dann mussten schon eine ganze Anzahl Kühe auf diese Weise gemolken werden. Aber je älter die Kälber wurden, umso kräftigerf wurden sie auch und wollten nicht von ihrer Milch freiwillig abgeben. So kostete das Melken viel Mühe, Kraft und Zeit.

Auch das Ernten des Maises war nicht immer so lohnend, als es während des Wachsens zu werden schien. Oft fand man, dass Affen, Papageien und andere Waldtiere einen grossen Teil der Ernte vernichtet hatten. Affen gab es in grossen Herden und Papageien in grossen Scharen, manche kaum so gross wie ein Sperling, bis zu der Grösse grosser Haushühner. Manchmal schwärmten Araras in Scharen von Tausenden über einer Maispflanzung. Die machen ein hässliches Geschrei. Diese Papageienarten und anderes Waldgetier, wie Wildschweine, Pacas usw. knabbern die Maiskolben einen um den anderen an, das andere wächst dann aus und fault. Affen brechen die Kolben regelrecht ab, nehmen sie mit in den Wald und verzehren sie hoch oben in den Bäumen und zanken sich um die Beute. Einmal ritt ich durch unsern Wald in Nachbar Krauses Plantage (eigentlich nur ein kleines Maisfeld) und wollte weiter. Schon in unserm Walde hörte ich ein merkwürdiges Lachen und Lärmen in dieser Plantage und dachte, Krauses Kinder sind beim Maisbrechen und überaus lustig. Jawohl, Krauses Kinder. Wohl 100-200 schwarze Pfeifaffen waren eilig an der Arbeit mit Maisbrechen. Viele Affen sassen in den Bäumen umher, als pssten sie auf. Nun knallte ich mit meiner Peitsche und schrie laut dazu und rief nach Krauses Kindern. Nun hättest du die Affen sehen müssen. Das gab ein Geschimpfe unter ihnen, Geschrei, Gepfeife und Eile; noch im Weglaufen rissen sie einige Kolben ab, machten Blätter los, machten Bündel, hingen sie über die Schultern und kletterten in die Bäume mit fabelhafter Geschwindigkeit; von oben sahen sie mir nach, und ich hörte sie noch lange schimpfen.

Mit einer solchen Affenherde im Walde zusammenzukommen, ist nicht gerade angenehm. Sie fürchten sich wohl vor einem Menschen, aber ihre Menge gibt ihnen Mut, sie werfen mit abgebrochenen Zweigen und - na, man rate mal mit was? - mit ihrem eigenen Dreck, den nehmen sie in eine Hand und zielen damit ziemlich sicher, und der riecht nicht gut. Schiessen mit einem Gewehr jagt ihnen unbändigen Schrecken ein. Dann machen sie ein „Ui, Ui“ um das andere und laufen in den Bäumen so eilig davon, dass du auf gebahntem Wege kaum würdest mitkommen können. Ein andermal ritt ich einen sehr schmalen Weg langsam einen langen Berg hinan. „Na“, denke ich, „was ist denn das da vor dir?“ Eine armdicke Ranke hing von hoch oben quer über den Weg wie ein dicker Strick als eine Schaukel, unten sass ein alter Brüllaffe und hielt mit beiden Händen rechts und links die Ranken gefasst und schaukelte sich gemächlich vor- und rückwärts. Bei meinem Näherkommen hielt er still, blieb aber ruhig sitzen und liess mich unter sich durchreiten.

Von den Brüllaffen hatte ich oft gehört, dass sie regelrecht Gesangstunde haben sollten. Nun hörte ich in der Nähe unserer Wohnung einmal so einen Gesang und war neugierig, den einmal belauschen zu können. Ich schlich einer Picke nach, die die Leute gemacht hatten zu einem Stamm, den sie zu Zaunpfählen gespalten hatten, - ein Schwarzherz-Stamm. Ich kam ziemlich nahe, ohne dass die Affen mich merkten, und hinter einem dicken Stamm versteckt, konnte ich sie beobachten. Da sassen sie hoch oben, ich glaube in einem Jequitibá-Baum in einem Halbkreis. Und vor ihnen der Dirigent. Alle passten, wie es schien, sehr scharf auf, was der Dirigent zu sagen hatte. Dann gestikulierte er mit den Händen und gab ein paar Töne an und zeigte dabei auf einige. Und dann war alles still. Der Dirigent hob beide Hände, als ob er zähle 1. 2. 3., und nun brüllte der Chor los, wenigstens dreistimmig. Mit einemmale mussten ein paar wohl falsch gesungen haben, denn der Dirigent wurde wild und teilte einige kräftige Ohrfeigen aus. Jetzt wurde es till. Noch einmal gab er die Töne an, und dann ging es wieder los mit Brüllen. Er teilte noch öfter Ohrfeigen aus, die Kerle schienen schlecht zu begreifen, dann gab es aber doch ein längeres Stück, lauter und leiser und sogar einige Solos dazwischen, bald im Bass, bald in einer anderen Stimme. Das anzusehen war äusserst belustigend. Und das betrieben sie mit einem solchen Ernst und Würde, dass ich ganz eigene Gedanken kriegte. Ich wusste wirklich nicht, was ich dazu sagen sollte. Es machte mir solchen Spass, dass ich die Tiere ja nicht störte, sondern ihnen lange zusah, bis ich mich ganz leise wegschlich. Wenn wir Menschen nicht so dummstolz und eingebildet wären und die Tiersprachen verständen und auch, was die Pflanzen alle wispern, flüstern, malen und duften, ich glaube, wir würden mehr Respekt vor der Natur haben und den Schöpfer der Natuyr noch viel mehr bewundern, loben, danken, anbeten und sagen: „Herr, wie sind deine Werke so gross und viel.“ Ich glaube, wir würden auch die Natur und Kreatur ganz anders behandeln und nicht bloss hochmütig und dumm sie beherrschen wollen, weil wir uns einbilden, wir seien die Herren.

Na ja, du wirst dich wundern und sagen: „De Wilm is ganz näwenbi gekommen.“ Ja, das ist er auch. Und wenn ich nachher das Geschriebene durchlese, merke ich, dass ich von dem, was ich erzählen wollte, noch mit tausend Belegennach weisen könnte, dass die Nöte und Ängste der ersten Ansiedler noch viel mannigfaltiger waren, als ich beschrieben habe. Das kann man aber auch nicht alles erzählen, man müsste denn jede einzelne Familie vornehmen in ihrem eigenen Ergehen. Denn einige überstanden alles gut, aber viele andere hatten ganz besondere Nöte. Einzelnen gedieh alles, was sie angriffen, andere hatten immer Pech, es gelang ihnen nichts, ihre Schweine gediehen nicht, ihr Rindvieh kränkelte, ihr Federvieh wurde vom Wild gestohlen, ihre Pflanzung wollte nicht gedeihen, ihre Kaffeebäume nicht tragen. Daneben war bald der Mann, bald die Frau, bald die Kinder krank und starben auch - ohne Arzt, Apotheker und Pfarrer. Und doch, sie wollten durchhalten. Und dabei wurden sie harte Leute und doch auch wider pflaumenweich. Sie behielten das Herz auf der rechten Stelle. Sie liessen ihre Nachbarn nicht im Stich. Hatte einer etwas, dann hatte auch der andere etwas. Einer munterte den anderen auf, ermahnte auch und das manchmal ziemlich derbe, aber sie halfen einander.

Ist’s da ein Wunder, dass sie sich endlich an die alte Heimat erinnerten, als es ihnen, oder wenigstens vielen von ihnen, besser ging und sie Ellenbogenraum gewannen, dachten und zu einander sagten: „Wie schön wäre es doch, wenn wir jetzt Schule und Kirche hätten, wenn wir Morgens, Mittags, Abends die Glocken hören und Sonntags in die Kirche gehen und alle zusammen singen, beten, loben und danken könnten!“

Jetzt, da es ihnen nach vielen Jahren endlich, endlich besser ging, überschlich es sie wie Heimweh. Es kam ein Sehnen in sie nach der vergangenen goldenen Jugendzeit, die möchten sie noch einmal erleben, nicht in der alten Heimat, nein, hier an dem Orte ihrer Arbeit und Sorgen, um den Kindern zu zeigen, wie schön doch die Heimat ist. Und dass diese Erdenheimat doch nur der Vorhof ist von jener Himmelsheimat über den Sternen droben. Und dieses Sehnen liess nicht nach und liess sie nicht ruhen, bis sie ein eigenes Pfarrhaus, Kirche und Schule hatten. Es war, als fühlten sie, hier erst ist unsere wahre Heimat. Wie schmückten sie ihr Gotteshaus, nicht bloss mit Palmen und Blumen, mit grossem Harmonium und herrlichem Altarschmuck, nein nicht allein mit diesem, sie selber waren der schönste Schmuck ihres Gotteshauses, das sie Sonntag für Sonntag so füllten, dass es bald viel zu klein war, und es konnte doch gut tausend Personen fassen. Wie schön sah es aus, wenn sie angeritten kamen den Berg hinauf, einer hinter dem andern, ein einziger feierlicher Zug, wohl zwei Stunden lang. Und wenn sie dann dichtgedrängt sassen und alle, aber wirklich auch alle wie ein einiger Mann aus frohem Mund und vollem Herzen ihre Lieder sangen und auf jedes Wort, das geredet wurde, lauschten, dann konnte man spüren: Ja, das sind Gottesdienste, so müssen Gottesdienste gefeiert werden. Da reisst eins das andere mit in die Höhe.

So haben es die armen Pommern in Espírito Santo geschaffen. Lebensmöglichkeiten für viele Tausend haben sie geschaffen. Was verschlägt’s da, wenn neue Deutschländer kommen und sagen: „Eure Kirchen sind Schafställe!“ „Wie herrlich ist’s, ein Schäflein Christi werden und in der Hut des treusten Hirten stehn!“ Lass sie nur so sagen. Wir freuen uns, dass wir etwas Eigenes haben. Industrie schafft so etwas nicht. Das schaffen nur treue Christenmenschen. Und so wolle Gott weiter helfen!

Fritz Wilm.*)

Fritz Wilm, Pseudonym für Friedrich Wilhelm Hasenack, Pfarrer in Santa Leopoldina/ES, 1882-1890.



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